Schwarzes Schaf
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Der Mann, der über die Mauer kam (Teil 2) - 2007/08/17 01:15
Wer einmal über Marrakesch geflogen ist, kennt den Anblick der blauen Swimmingpools im graubraunen Einerlei der Stadt. Was man von weit oben für kleinere Anwesen halten könnte, sind die prachtvollen Paläste der Reichen. Die Cayenne-, Touareg-und Mercedes-Dichte davor hat internationales Niveau, Zuschauer sind wie auch anderswo unerwünscht. Die Security-Wächter vor den Eingängen blicken meinem Taxi beim Vorbeifahren mit versteinertem Gesicht nach. Die Gelegenheit wäre günstig: Viele Villen sind in diesen Tagen verlassen, denn Marrakesch ist im Golfrausch. Weltbekannte Spieler aus Europa und den USA besuchen die rote Stadt, um auf dem Grün zu stehen, denn hier trugen schon Winston Churchill und Ike Eisenhower ihre Golfpartien aus.
Die Reichen und Superreichen gehen in Erdnähe, riechen am Rasen, peilen ihren Put an, wühlen im Sand oder holen ihr Ei aus dem Loch. Die Greens rund um die Stadt sind erweitert worden, ich sehe sie in Grüppchen zum „Palmerea“ Green fahren, um Tom Cruise und David Bowie zu treffen oder mit Jean-Paul Gaultier und Bernard-Henri Lévi zu plaudern, die gerade hier ihre Wochenenden verbringen. In der Medina, in der es immer eng gewesen ist, wird es für Sterbliche ebenfalls zunehmend enger: Ihre Gebäude sind mittlerweile an Banken, Hotelkonzerne und Immobilienfonds verkauft, was seltsam erscheint in einem Land, in dem man seit jeher mit Erde baute, in Erdnähe saß, auf der Erde schlief und seine Waren am Boden ausbreitete, in bunten Mustern.
Plötzlich stoppt das Taxi, ich sehe Absperrungen, Polizisten, eine Menschenmenge. Der Fahrer informiert mich, ich bin in den Marrakesch Marathon geraten, ein postmodernes Trend-Ereignis. Ich beobachte die Szenerie, ein buntes Völkchen von Läufern aus Afrika, Amerika, Europa und Asien rauscht an mir vorbei. Wir müssen auf einem Umweg in die Stadt hineinfahren. Ich bitte meinen Fahrer um eine Pause, esse in einem Restaurant ein zimtgetränktes Shawarma und nehme mir etwas Zeit, abzuwarten und Tee zu trinken. Schließlich fahren wir weiter und rollen irgendwann in die Altstadt hinein. Um das Taxi herum scheint alles mehr und mehr zu schrumpfen bis schließlich nichts mehr geht, weil die Gassen zu eng werden. Ich steige aus, gebe meinem Fahrer wortlos einige Dirham mehr als nötig und verschwinde mit meinem Aktenkoffer in der Medina, eine Mischung aus Touristenattraktion, Tausendundeiner Nacht und Hippieparadies. Vor nicht allzu langer Zeit wäre mein Spaziergang zum Hotel ein Spiessrutenlauf gewesen, selbst ernannte Reiseführer hätten mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Doch jetzt bleibe ich unbehelligt. Die marrokkanische Polizei duldet keine unregistrierte Führer mehr.
Nein, es wäre ein Irrtum, die Medina von Marrakesch als chaotisch zu bezeichnen. Sie wurde in Wahrheit nach einer geheimen Ordnung erbaut, alles wuchs aus kreisförmigen Anordnungen, in deren Mittelpunkt Moscheen und Souks standen, um die sich Wohngebäude gruppierten. Nach und nach bildete sich ein komplexes Ornament, so schön, verschlungen und geheimnisvoll wie die Geschichten, die aus Marrakesch berichtet werden. Aber andererseites natürlich völlig unregierbar, chaotisch, der Schrecken aller Infrastrukturplaner.
Schmutzige Straßen voller Menschen, Gedränge, Schreien. Ein gigantisches, nie endendes Festival. Ein Menschenstrom ergießt sich auf den Djama el Fna, den zentralen „Platz der Gehenkten“. “Hello my friend, we have good food, better than Jamie Oliver” ruft es, als ich an den Garküchen vorbeischlendere. Im Licht der Lampen stehen Touristen in Gruppen und lauschen den Trommeln. Tief verschleierte Frauen, Geschichtenerzähler, Schlangenbeschwörer, Dealer, Tänzer, Touristen und Kinder, die selbstgebackene Kekse verkauften, bevölkern den Platz. Dampfwolken steigen von den Garküchen auf, die man noch aus weiter Ferne sehen kann. In den Souqs gibt es immer noch alles zu kaufen: Echten Safran, lebende Hühner, falsche Uhren, Salz aus dem Toten Meer, Zimt, Ziegenkäse, Hackfleisch, Henna. Laut hupende Motorräder schlängeln sich zwischen mir und den auf der Straße ausgebreiteten Waren hindurch. Ein größenwahnsinniger Autofahrer, der fast die Hauswände streift, bahnt sich seinen Weg durch das Geschehen, dicht an mir vorbei.
Ich bleibe stehen: Auf dem Fernseher im Laden eines Teppichhändlers läuft das Halbfinale von „Super Star Arabe“. Der Teppichändler lächelt als er mich sieht und läuft zum Fernseher, den er laut stellt. Ich trete näher und sehe Saâd Mjarrad, den marokkanische Kandidat der Sendung, der sich mit einem Blumenstrauß in der Hand verbeugt. „next round“ bemüht sich der Teppichhändler zu sagen und schwingt seine Hand über dem Kopf. Ich lächele, wartet auf weitere Worte, doch er grinst einfach nur, verzichtet darauf, mich mit Fragen oder Small-Talk zu fesseln. Ich sehe meinen Gastgeber an, sage „Merci mon ami“ und gehe, nachdem ich mich noch einmal in seine Richtung verbeugt habe. Ein Teppichhändler, der mich so unaufdringlich ziehen lässt, wie er mich aufgenommen hat. Ich werde ihn demnächst noch einmal besuchen, dieser Mann scheint mir offen für intime Fragen über Land und Leute.
Beitrag bearbeitet von: Schwarzes Schaf, um: 2007/08/17 01:28
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