Schwarzes Schaf
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 Gelegenheitsschreiber
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Der Mann, der über die Mauer kam (Teil 1) - 2007/08/17 01:01
Ortszeit: 15:45, leichtbewölkt, 32 Grad im Schatten.
Marrakkesch - ehemalige Hauptstadt von Andalusien! Ich sause schwerelos über palmengesäumte Prachtstraßen, vorbei an riesigen Hotels, die sich in den Himmel strecken. Das Hiatt, das Ibis, das Hilton schweben an meiner Sonnenbrille vorbei, orientalische Disneylands für Reisende, Geschäftsleute, Staatsbeamten, wahlweise auch im westlichen Stil. Mein Taxifahrer beobachtet mich durch den Rückspiegel. Ich rücke meine Sonnenbrille zurecht, er blickt wieder nach vorn auf die Straße. Ich sonne mich in den Reflexen, die von den verspiegelten Fassaden der Hotelgiganten strahlen und muss an Silvio Berlusconi denken.
Kaum war Berlusconi aus dem Amt, entstand in Italien ein neues Gesprächsthema: Man diskutierte, was er wohl als nächstes anstellen würde. In die USA auswandern, dachten die einen. Noch mehr Steuern hinterziehen, glaubten die anderen. Dass Berlusconi als Tänzer verkleidet in Marrakesch auftreten würde, ahnte niemand. Als seine Frau Veronica zu ihrem Fünfzigsten ihre zwei jüngsten Kinder zu einer Reise nach Bilbao einlud, heckte Berlusconi mit den Kindern aus, dass der Privatjet ohne ihr Wissen nach Marokko umgeleitet werden sollte. Die verdutzte Veronica wurde am Flughafen von Marrakesch von sieben traditionell gekleideten „Marokkanerinnen“ empfangen, die sich als ihre sieben engsten Freundinnen herausstellten, Berlusconi hatte sie zuvor mit einem zweiten Privatjet einfliegen lassen.
Seinen großen Coup landete Berlusconi am nächsten Tag zum Geburtstag seiner Frau. Direkt nach seiner ersten Rede als Abgeordneter der Opposition machte er sich nach Marokko auf - mit einem dritten Privatjet. Als dann am Abend die Geburstagsparty im Club Medina stieg, erschien ein geheimnisvoller, verschleierter Berber mit Turban und wallendem Umhang auf der Tanzfläche, der zu afrikanischen Rhytmen tanzte und die verstörte Veronica zum Mittanzen aufforderte. Als die Musik endete, verbeugte sich der „Berber“ vor Veronica, zog ein Diamant-Collier aus der Tasche und gab sich zu erkennen. Der abgetretene Berlusconi tanzte sich mit diesem Auftritt in die Schlagzeilen der marokkanischen Presse. Der Auftritt in Marrakesch fand weitaus mehr Beachtung als seine Worte im Parlament. Die Italiener staunten oder schüttelten den Kopf.
Ich denke darüber nach, was den Orient und den Okzident sonst noch verbindet: Auch in Marrokko gibt es Frauenhäuser, in die sich geschlagene Mütter, Ehefrauen und Freundinnen flüchten können. Frauen, die genug geblutet haben, gepeinigt von Männern, die unterdrückte Wut abreagieren, die betrunken sind, Knochen brechen, Kinder oder Blutsverwandte missbrauchen. Es gibt scheinbar trotz aller Differenzen Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen. Ich ziehe mein Handy aus dem Anzug hervor, das Display zeigt neue Nachrichten an: Werbe-SMS, vom marrokkanischen Mobilfunkbetreiber MT, in dessen Netz ich bei meiner Ankunft eingecheckt bin. Ich teste, ob ein Internetzugang per Handy möglich ist: Es geht!
Ich habe eine neue E-Mail, sie ist von Joachimsen, ein Redakteur der Frankfurter Rundschau, für den ich jahrelang als Trüffelschwein gearbeitet habe. „P.S: Auch wenn Du in nächster Zeit rein philosophisch unterwegs bist: Schreib mir, wenn sich was Interessantes ergibt, bin immer offen für verrückte Sachen wie du weißt, liebe Grüße, Harald.“ Ich markierte die Mail, drücke die Löschtaste und genieße den Klingelton, den mein Handy immer von sich gibt, wenn Daten ins Nirvana wandern. Joachimsen, der mich wie eine Blattlaus gemolken hat, ist der letzte, dem ich in den nächsten Monaten Neuigkeiten mitteilen werde.
Beitrag bearbeitet von: Schwarzes Schaf, um: 2007/08/17 01:11
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