Schwarzes Schaf
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 Gelegenheitsschreiber
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Der Mann der einen Tag verschwand - 2007/08/16 02:36
Majid - zweiundreißig Jahre alt, mit spitzer Nase, Menjou-Bärtchen und geölten Haaren, sauber über Ohren und Nacken ausgeschnitten, ein erfahrenen Teeverkäufer, der rund um die Uhr in der Medina von Marrakesch seine Kannen heiß laufen lässt - Majid bittet seinen Cousin Khaled, kurz auf den Teewagen aufzupassen. Er soll den bereits eingeschenkten Tee verteilen, Majiid muss sich schnell Erleichterung verschaffen. Kaum hat er seine Bitte geäußerst, ist er schon im Gewimmel der Menschen auf dem Platz verschwunden, auf dem Weg zu einer Mauer, hinter der eine kleine unbenutzten Fläche liegt, wo man zwischen Sträuchern, Müll und getrockneten Scheißhaufen seine Notdurft verrichten kann. Cousin Khaled, einer von vielen, etwas jünger als Majid, kleiner, runder, mit breiterem Nacken, aber ebenso sauber ausrasiert, serviert den Tee in einer Männerrunde, die in aller Seelenruhe die freien Quadratmeter vor Majids Teewagen besetzt hat. Ein alter Mann in einem staubigen schwarzen Umhang nimmt eines der Teegläser von Khaled entgegen. Khaled will schon weiter gehen, da hält der Greis ihn mit knochigen Fingern zurück, verzieht die Stirn zu faltige Wülsten und zeigt auf den Jungen,der neben ihm seht. Der Junge blickt verlegen zur Seite, als Khaled ihm ein Glas Tee in die Hand drückt und mit einer Verbeugung an den Alten weiter schreitet. Khaled versorgt das Konglomerat der Umherstehenden bis das Tablett leer ist. Er sieht noch einmal zu dem Jungen, der schüchtern neben dem Alten steht. Der Junge starrt in den Tee und schweigt.
Khaled, eins mit seiner Physiognomie, ist kein nervöser Typ. Er wischt Tabletts, poliert Löffel, füllt Zuckerdosen nach, öffnet zusammengebundene Minzezweige und zupft Nana-Blätter in einen Korb. Noch einmal packt er zehn kleine Teegläser auf das bereits polierte Tablett, stellt in jedes der Gläser ein Minzeblatt, noch einmal nimmt er die Kanne vom Kocher und füllt die 10 Gläser. In einer einzigen flüssigen Bewegung streckt er den Arm, lässt den Strahl der Kanne aus fast einem Meter Höhe hinabschießen, in die kleinen Gläser, trifft jedes präzise, füllt sie alle, ausgeglichen, bis auf das letzte, ohne einen Tropfen zu vergeuden. Dann stellt er die Kanne wieder zurück und serviert noch eine Runde. Diesmal vergisst er den Jungen nicht, der ihn jetzt zum ersten Mal ansieht und lächelt. Khaled lächelt ebenfalls, macht weiter, sammelt leere Teegläser vom Boden ein, teilt volle aus. Erst am Ende der zweiten Runde wird ihm klar, dass sein Freund Majid eigentlich längst zurück sein sollte.
Khaled späht über den Platz in die Richtung aus der Majid verschwunden ist. Doch nur der unaufhörliche Strom der Käufer und Verkäufer fließt vorbei wie eine Fata Morgana. Khaled macht eine Pause und pafft eine selbstgedrehte Zigarette, trinkt selbst ein Glas Tee im Stehen. Er sieht einer Gruppe Touristinnen nach, die sich von „Verkaufsagenten“ belästigt fühlen. Die Frauen sind einfach zu verfolgen, die Verkäufer hängen an ihnen wie Bluthunde, die sich allerdings im Zaum halten müssen: Wo ein Tourist zu schreien anfängt, treten nicht selten marokkanische Zivilpolizisten in Aktion, die sonst als unauffällige Beobachter durch die Altstadt spazieren. In die staatlichen Polizeigefängnisse von Marrakech zu geraten ist das Horrorszenario der Taschendiebe, Stricher und dubioser Händler, bereits das Einfahren in einen der Bauten und kurzer Aufenthalt darin sind eine Tortur. Es gibt genug traurige Lieder und Geschichten, die das belegen. Doch keiner spricht darüber. Selbst in der Familie könnte jemand aus Versehen mithören, später unwissentlich etwas an einen netten Informanten des staatlichen Geheimdienstes ausplaudern. Also: Schweigen. Themawechsel. Khaled blickt auf seine Uhr. Er hat noch eine Verabredung im Haus seiner Schwiegereltern. Sein Einstieg in das Familien-Restaurant steht in Aussicht. An ein großzügiges Zuspätkommen ist nicht zu denken, die Schwiegermutter kocht auf die Minute: Hackfleischbällchen, die direkt vom Grillfeuer kommen, Blätterteigpasteten, die stets luftig aufgehen, würzige Hühnersuppen, die in letzter Minute mit frisch eingerührten Kräutern perfektioniert werden – nein, es ist nicht möglich, die Enttäuschung zu beschreiben, wenn der ausgeklügelte Gesamt-Zeitplan unter Druck kommen würde und alle mitansehen müssten, wie Khaled´s Platz leer bleibt.
Khaled flucht vor sich hin, noch immer keine Spur von Majid. Was bildet sich der Dummkopf ein, wahrscheinlich schwätzt er irgendwo, gibt mit angeblichen Flirts an. Wo immer er sich nur wieder herumtreibt. Kahled wirft seinen Zigarettenstummel weg und geht noch einmal mit Tee herum, sammelt danach die Gläser ein. Er muss jetzt wirklich los, läuft zu Ali, dem Friseur hinüber, der gerade Pause macht und vor dem Laden sitzt. Er bringt ihm ein Glas Tee, das Ali dankbar entgegen nimmt. §Trink nur schön langsam deinen Tee, Ali, er geht auf Kosten des Hauses, ich werde jetzt zu meinen Schwiegereltern eilen, den ein wichtige Beratung steht an." Khaled blickt geheimnisvoll. Ali deutet eine Verbeugung an und spricht: "So soll es denn sein und Gott sei mit dir!" Khaled kommt näher, greift Ali am Handgelenk: "Bitte sei so liebenswürdig und wirf einen Blick auf den Teewagen da drüben, mein Freund Majid kommt in wenigen Minuten wieder, ich muss jetzt ganz schnell meiner Bestimmung folgen und hier, hier ist Majids Büchse mit der Tageskasse, nimm sie kurz an dich, solange du deinen Tee trinkst. Er wird sie gleich holen kommen, ich danke dir tausendmal und Gott sei mit dir!" Bevor Ali Einwänder erheben kann, liegt die Blechbüchse auf seinem Schoß und Khaled ist in der Menge verschwunden, die wie ein Ameisenheer von allen Seiten gleichzeitig auf den Basar strömt, sich dort festhakt und verwirbelt und irgendwann in ruhigere Gassen der Stadt ausgespuckt wird. Im Aufklärungsbüro der NSA in Pittsburgh, California, trifft eine E-Mail ein, die von der Polizei in Marakech ausgesandt wurde. Die E-Mail enthält eine kurze Information, dass in Marrakech vor wenigen Minuten ein Mann festgenommen wurde, der möglicherweise ein gesuchter Abu el Hoiud sei. Die Beamten stattlichen Polizei Marrokkos bitten um aktuelle Fotos des Gesuchten. Der US-Beamte hat jedoch einen Tag Urlaub genommen, die E-Mails werden von einem Autoresponder beantwortet. Die Amerikaner stellen erst am nächsten Morgen das PDF-Dokument mit Fotos und Hinweisen zu Ibn el Hoiund zusammen versenden es an Komissar Mahmud Sartali, staatliche Polizei in Marrakech.
Majid wacht im Keller eines Polizeigebäudes in Marrekech auf. Ein dumpfer Schmerz dröhnt in seinem Schädel, so stark, das ihm fast schlecht wird. Er erinnert sich, dass ihn zwei Uniformierte die Kellertreppe hinabgestoßen haben, dass er beim Fallen mit dem Kopf gegen die letzte Treppenstufe schlug. Majid betrachtet seine Hand, mit der er sich eben noch den Kopf befühlt hat. Das Blut darauf ist fast getrocknet. Er fragt sich, wieviel Zeit wohl seit dem Sturz vergangen ist und lauscht. Er hört Schritte, das Schließen und Öffnen von Türen, dann dumpfe Geräusche, auf die Wimmern, Heulen und Flüche folgen. Nach einigen Minuten ist es still. Eine Tür öffnet sich, und Majid erkennt am Geräusch, dass jemand durch den Keller geschleift wird.
Oben im dritten Stock des Gebäudes kämpft Kommissar Sartal mit seinem alten Windows PC. Da ertönt durch die offenen Fenster die Stimme des Muezzins, der zum Mittagsgebet ruft. Zwanzig Minuten später hat Sartal sein Gebet beendet und macht sich daran mit einigen Kollegen mehrere Teller Köfte mit Brot und Minz-Joghurt zu verspeisen, danach einen Liter Tee und süße Kardomom-Kuchen. Danach streicht er sich über den prall gefüllten Bauch Doch die Datei aus Amerika läßt sich auch nach dem sagenhaften Lunch nicht öffnnen. Sartalisendet die E-Mail an seinen fünfzehnjährigen Enkel weiter, den er noch an diesem Tag nach Dienstschluss im Haus seiner Eltern besuchen will.
Majid zieht sich in eine Ecke des Kellerlochs zurück, streckt sich vorsichtig am Boden aus, legt den Kopf so, dass die Wunde nicht den Boden berührt. Er schließt die Augen und versucht Gott um Beistand anzuflehen, da ist im Dunkeln ein Geräusch hinter ihm. Majid schreckt hoch, Ratten flüchtet ins Dunkel des Kellers. Majid legt sich nicht wieder hin, setzt sich ins Licht, das durch die Gitterstäbe an der Tür fällt, mit dem Rücken an der Wand. Er verflucht sich für sein Menjou-Bärtcchen, für seine tadellose Sonnenbrille, dafür, das er zu viele HipHop-Videos und Bollywood-filme gesehen hat und dafür, dass er die Helden dieser Machwerke im echten Leben zu oft, zu automatisch, zu frech imitiert.
Sherif, der Enkel des Komissars, hat keinerlei Probleme mit seinem PC und seiner Internetverbindung. Sartal erhält die Bilder des echten Terroristen und sieht gleich, dass er Majid nur ein wenig ähnelt. Er ruft im Kommissariat an, doch die Kollegen haben bereits Feierabend gemacht. Sartal verbringt den Abend im Haus seines ältesten Sohnes und lässt sich nach Mitternacht von einem Taxi nach Hause fahren. Am nächsten Morgen gibt er die Nachricht im Präsidium telefonisch weiter und weist einen Beamten an, Majid frei zu lassen. Majiid wird zum Arzt gebracht, versorgt, gesäubert, und dann entlassen, ohne den Komissar noch einmal zu sprechen, ohne dass sich jemand entschuldigt. Er steht vor dem Revier und blinzelt in die Sonne, auf seinem Kopf hat er einen Verband. Majid geht langsam nach Hause und macht am nächsten Tag so wie immer an seinem Teestand weiter.
Beitrag bearbeitet von: Schwarzes Schaf, um: 2007/08/18 16:42
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