Siebenschläfer
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 Gelegenheitsschreiber
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Re:August 08 - 2008/08/19 10:32
Im Labyrinth
Kuno streckte die Beine von sich. Bis auf das Summen einer Biene, die sich im Blumenbeet linkerhand vergnügte, war es ruhig. Kein Vogelgezwitscher mehr, vermutlich war es ihnen zu heiss geworden. Selbst das Sonnendach vermochte die Hitze nicht einzudämmen und Kuno war es, als sässe er unter einer Käseglocke. Er schwitzte. Besucher waren keine im Anmarsch. Schon lange bevor sie jeweils ans Ziel vordrangen, hörte man ihr Gelächter und Geplapper, die spitzen Schreie der Frauen, wenn sie sich verloren glaubten, das „Mama?!“ der Kinder, welche sich wohlig gruselten, die betont ruhigen Stimmen der Männer, die ihre Familie souverän durch das Labyrinth dirigierten. Ein Ferienspass, die gelungene Aktivität für unsichere Tage. Heute war Flaute. Badewetter. Heiss. Seit zwei Stunden hatte Kuno Dienst. Drei Familien waren hier gewesen, hatten Eis geschleckt, waren wieder gegangen. Er musste bleiben. Noch fünf Stunden. Gefangen im Labyrinth, unter einem Stern zwar, doch ohne Aussicht auf Erlösung. Der Ferienjob war ihm gelegen gekommen; er konnte das Geld gebrauchen. Leicht verdientes Geld, wie ihm gesagt worden war. Eis verkaufen, ein Erinnerungsbild knipsen, ab und zu einen Insektenstich verarzten. Vorgestern hatte er eine Familie, die sich enorm ungeschickt angestellt hatte, durch Rufen in die Mitte gelotst. Nach den langweiligen Stunden zuvor hatte es ihm Spass gemacht, auch wenn er sich dumm vorgekommen war. Während er langsam wegdöste, verschwammen die akkurat gestutzten Buchshecken um ihn herum zu einer grünen Masse, wurden zu einem undurchdringlichen Urwald, und seine Gedanken machten sich davon. Er war es, der durchs Labyrinth irrte. Von einer Sackgasse in die andere. Welchen Weg sollte er wählen. Welcher würde ihn ans Ziel führen? Ihm Erfüllung bringen? Ihn seiner Bestimmung zuführen? Seine Glieder wurden schwer, die Augen waren nicht mehr zu öffnen. Er kämpfte dagegen an, doch immer tiefer sank er in einen Sumpf aus Trägheit, Schwermut, Selbstzweifeln. Wie sollte er es je schaffen? Was würde ihn überhaupt erwarten – am Ziel … Gab es ein Ziel? Oder ging es nur darum, ziellos umherzuirren und dabei den Mut nicht zu verlieren? Kuno war kurz davor, zu einer enorm wichtigen Erkenntnis zu gelangen; ein Gedanke, der sein Leben, ja die ganze Menschheit verändern würde, war bereit, geboren zu werden, das spürte er … „Mama, guck mal, der schläft ja!“ Erschrocken fuhr Kuno hoch. Vor ihm stand – mit offenem Mund – ein blondschopfiger Knirps, weiter hinten trat schmunzelnd das dazugehörige Elternpaar aus den Büschen. „Sorry für die Störung“, meinte der Vater mit leicht gerunzelter Stirn, „aber hätten Sie ein Eis für uns?“ Beschämt griff Kuno in die Kühltruhe, immer noch leicht desorientiert. Während er die erfrischende Trophäe aushändigte und der kleinen Familie zusah, wie sie dieselbe genussvoll vertilgte, kehrten seine Lebensgeister langsam zurück. Sein Ziel stand fest. Er würde sich anstrengen und sein Studium in Rekordzeit abschliessen. Egal, was ihn erwartete; mochten seine Lebenswege auch noch so verschlungen sein: Nie – nie! – mehr wollte er sich dermassen langweilen.
Beitrag bearbeitet von: Siebenschläfer, um: 2008/08/19 11:00
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