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Michael Kuss
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Flirtversuch mit Traumfrau - 2007/07/24 14:35 Flirtversuch mit Traumfrau

Es gab keinen Zweifel, sie hatte ihn angelächelt. Er stand an der Bushaltestelle und sie war in einem offenen Kabrio vorbei gefahren. Mit wehenden Haaren und einem duftig-weichen Schal um den schlanken Hals, wie ein rauschendes Geschöpf aus einer Parfüm-Werbung. Im Bruchteil einer Sekunde war im bewusst, - das ist eine Traumfrau! Ein Engel mit Scharm und Natürlichkeit, ein Wesen mit Ausstrahlung und Esprit. So wie sie den Kopf gehoben und gelächelt hatte, mit feinen, klugen Gesichtszügen und offenen Augen, die mehr versprachen als nur ein erotisches Abenteuer.

Warum sollte eine junge Frau ihn nicht anlächeln – er war nicht übel, groß und schlank, gut und sportlich gekleidet, besser als der Durchschnitt – und jetzt musste er nur etwas aus der Situation machen, die Gunst der Stunde nutzen, denn – das darf doch nicht wahr sein – sie bremste tatsächlich hundert Meter weiter, fuhr an den Straßenrand, blieb im Wagen sitzen und schien zu warten…

Sollte er winken? Auf sich aufmerksam machen? Ihr ein Zeichen geben, dass er ihr Lächeln bemerkt hatte? Dass die Bedeutung ihres kurzen Augenaufschlags einem sensiblen Mann wie ihm nicht verborgen geblieben war?! Solche Chancen darf ein Mann nicht an sich vorbeirauschen lassen. Das war ein Wink des Schicksals…

Er lief los, nicht zu schnell, damit es nicht peinlich oder aufdringlich wirkt, aber doch zügig genug, um sich ihr zu nähern. Sie saß noch immer im Auto und tat so, als suche sie etwas im Handschuhfach. Erfindungsreich wie Frauen eben sind. Ach, wie liebte er diese subtilen Spiele…

Wie sollte er sie ansprechen? „Hallo, Sie haben ein schönes Lächeln!“ wird er sagen, und sie wird ihm antworten „Sie aber auch! Sie sind mir angenehm aufgefallen!“ Und schon war das Eis gebrochen. So einfach kann das sein…

Als er auf halber Höhe war, stieg sie plötzlich aus, ging um das Auto herum, schwenkte ihre Handtasche, schaute noch einmal in seine Richtung und ging dann zielstrebig auf das Hochhaus zu, dessen Eingang von zig Hinweisschildern auf Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater und eine Model-Agentur gesäumt war.

Logisch! Sie ist Model und hat ein Casting bei ihrer Agentur! Oder einen anderen wichtigen, unaufschiebbaren Termin. Und kann deshalb nicht warten. Abschätzend blickte er die Hausfassade hoch, war aber nur für einen kurzen Augenblick verunsichert und beschloss sofort eine neue Strategie.

Ich werde ihr ein Briefchen schreiben, eine kurze Mitteilung an den Scheibenwischer stecken, und mich dann schräg gegenüber in das Terrassencafe setzen und einfach warten bis sie wieder heraus kommt. Es war ein sonnenwarmer Frühsommertag; die Gelegenheit für Liebeskontakte konnte kaum besser sein. Im Erdgeschoss war ein Schreibwarengeschäft und er kaufte rosa Briefpapier mit Blümchen in den Ecken und einen markanten Filzstift, der ihm eine flüssige, überzeugende Handschrift erlaubte.

„Sie haben ein wunderschönes Lächeln!“ schrieb er. „Danke, dass Sie es mir geschenkt haben! Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen? Ich warte gegenüber auf der anderen Straßenseite im Cafe auf der Terrasse!“ Für alle Fälle schrieb er noch seine Telefonnummer dazu. So, das war deutlich und doch nicht zu aufdringlich. Welche Frau kann soviel charmanter Kreativität widerstehen…

Von der Cafeterrasse aus hatte er den Hauseingang und das Auto im Blick. Er tat ein bisschen gelangweilt, als konzentriere er sich lässig auf eine Zeitung und schielte dabei immer wieder über die breite Straße mit dem lebhaften Verkehr. Wie würde er sich verhalten, wenn sie aus dem Eingang kommt und zum Auto geht? Aufspringen? Mit den Händen gestikulieren? Über die Straße laufen? Kein Risiko eingehen und sie nicht entkommen lassen?

Quatsch! So ein Blödsinn! So etwas macht man doch nicht mit einer Klasse von Frau wie dieser! Die Sache ist doch sowieso klar und vorbestimmt. Sie wird das rosa Briefchen vom Scheibenwischer nehmen, wird es interessiert und dann auch ein wenig amüsiert lesen, sie wird lächeln und zu ihm herüber schauen, und er wird winken, ein kurzes, unaufdringliches Zuwinken; die Hand, nein, nur den Finger kurz heben, fast weltmännisch, wie ein Mann mit Selbstbewusstsein und Souveränität, und der Rest ergibt sich von selbst…

Und dann? Dann werden sie reden. Über sich, über ihre Arbeit, über den letzten Film und vielleicht auch über die gesellschaftliche Entwicklung und die neuesten Arbeitsmarktzahlen oder sonst etwas, was nach Intelligenz und Wissen und Offenheit ausschaut und sich vom üblichen Smalltalk abhebt. Nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber doch mit Bedacht abtasten, wie weit die gemeinsamen geistigen Interessen gehen könnten, die letztlich auch zu jener körperlichen Vereinigung führen werden, um die es in einer Beziehung schließlich geht. Dass die Chancen nicht schlecht stehen, war doch bereits aus ihrem ersten Lächeln vor eine halben Stunde zu erkennen…

Nach einer weiteren halben Stunde trat sie aus der Tür. Endlich! Aus der Nähe war sie noch schöner! Dieses Kleid! Diese Haltung! Diese Eleganz! Diese Weiblichkeit! Sie schaute sich um, als würde sie ihren verpassten Flirt von vorhin suchen, ging dann aber auf das Auto zu und schloss die Wagentür auf. Jetzt! Jetzt musste sie das Liebesbriefchen sehen! Aufdringlicher und unübersehbarer als ein Verkehrsknöllchen klebte es an der Windschutzscheibe. Aber Liebe macht blind – sie sah es nicht, setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an.

Nun musste er reagieren!

Er stand auf. Unschlüssig blickte er über die Straße. Sollte er sein Glück einfach so davonfahren lassen? Er hob den Arm. Hallo, hier! Aber sie war bereits auf die Straße und auf den fließenden Verkehr konzentriert. Wieder flatterten ihre Haare und der seidenweiche Schal im Fahrtwind. Noch immer klebte die rosa Botschaft unter dem Scheibenwischer. Es musste ihr die Sicht nehmen. So etwas kann man nicht übersehen! Jetzt, spätestens jetzt wird sie aufmerksam werden! Sie wird anhalten, aussteigen, das Briefchen lesen, und die ganze Situation war gerettet…

Sie gab Gas, fügte sich schneller werdend geschickt und souverän in den Verkehr ein und betätigte die Scheibenwischanlage. Unbarmherzig rasten die Scheibenwischer über die Windschutzscheibe. Das Wischwasser spritzte boshaft wie aus giftigen Schlangenhälsen auf das rosa Briefchen. Es löste sich, wirbelte durch die Luft über die Straße; andere Autoreifen erfassten es, schleuderten es erneut hoch, bis es sanft wie ein kleiner, verschmutzter Papierflieger auf der Cafeterrasse direkt vor seinen Füßen landete.

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Michael Kuss (Berlin)
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Flirtversuch mit Traumfrau
Michael Kuss 2007/07/24 14:35
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