carolin_rauch
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 Grünschnabel
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Re:September 2007 - 2007/09/15 10:21
Today is now
Wir sitzen um den langen Holztisch, unsere Knochen schwer wie Blei, die Muskel verkrampft und schmerzhaft. Die Dämmerung ist schon längst angebrochen und die Mücken wittern ein Festmahl. Ich ziehe die Schuhe aus, um die eingequetschen Füße zu befreien und fühle eine unglaubliche Erleichterung. Körperliche Arbeit bewirkt eine Zufriedenheit, die scheinbar im sonstigen Leben unvergleichbar ist. In der einen Hand das Bier, in der anderen die Zigarette und du glaubst, dass du dir beides heute so unheimlich verdient hast. Das Essen schmeckt tausend mal besser als sonst, du atmest die reine Luft, die dich umgibt und siehst hinauf in den Sternenhimmel, den nur Australien dir bietet. Natürlich schmerzen die Blasen an Händen und Füßen, dich ekelt die schweißgetränkte Kleidung und du hasst die elenden Mücken, die dir dein Blut aussaugen, satt – doch diesen Moment ist es wert. Ich blicke um mich und sehe in Gesichter aus verschiedensten Nationen, die mir heute morgen noch fremd und nun so vertraut vorkommen. Wir teilen diesen Moment, unsere Herzen schlagen im gleichen Rhythmus, wir atmen den selben Sauerstoff. Der Gedanke scheint in allen Köpfen am Tisch umzugehen. Einer sagt „Wie gut es doch ist, dass es so viele Farmen gibt! Sonst wäre hier ja nichts“ Manche lachen, ich schmunzle. Ohne die Mangos säßen wir nicht hier, da hat er Recht. Die Koreanerin schlägt die Augen nieder und räuspert sich. Alle starren sie an, erwarten den Kommentar „Aber die Landwirtschaft macht viel kaputt.“ flüstert sie in ihrem gebrochenen Englisch, verschüchtert durch die plötzliche Aufmerksamkeit. Bestärkt durch unser anerkennendes Schweigen fährt sie fort: „Sonst gäbe es mehr Wälder und mehr Wasser. Die Regenzeit wäre weniger extrem und die Trockenzeit kürzer.“ Sie scheint zu wissen, wovon sie spricht. Ich bin zu erschöpft, um genauer über ihre Worte nachzudenken. Allen scheint es gleich zu ergehen und wir verfallen in eine beklemmende Stille. „Du weißt nicht wovon du sprichst, du dummes Mädchen!“ poltert es plötzlich aus einer Ecke. Erschrocken zucke ich zusammen und drehe den Kopf in Richtung des Widersprechers. Zu meinem Entsetzen ist es der Boss, der Farmer persönlich. Seinen Bierkrug voll Rum-Cola hat er beinahe geleert, sein Wangen haben eine leuchtend rote Farbe und die blutunterlaufenen Augen schielen auf die verängstigte Koreanerin. „Ohne uns, wäre alles Wüste, du hättest gar keine Arbeit und Darwin würde nicht existieren! Wir beleben die Trockenzeit und sorgen für ein paar Menschen, die bleiben, zur Regenzeit. Was weißt du von Landwirtschaft! Deine Wälder würde es auch so oder so nicht geben!“ plappert der Farmer spuckenderweise weiter. Die Asiatin, um ihren Arbeitsplatz fürchtend, nickt beharrlich, steht dann auf und geht zu den Schlafplätzen. Der Boss trinkt seinen letzten Schluck, schmettert das Glas auf den Tisch und erhebt sich ebenfalls. Die Schweden werfen sich unsichere Blicke zu. Wir Deutschen atmen schwer aus und versuchen auf andere Gedanken zu kommen. Ich lehne mich zurück und blicke wieder in diesen wunderschönen Sternenhimmel. Mir ist egal, ob die Farmer hier Gutes oder Schlechtes ausrichten, ich vermute sowieso beides. Was zählt, ist, dass ich hier sein darf, den Moment genießen. Morgen wird kommen, doch jetzt ist heute.
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