Honigmaler
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 Grünschnabel
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Re:Trauma - 2007/04/24 01:58
Knochen
Ich denke, es fing alles mit der zerschredderten Toten unter der U-Bahn an. Der Sommer war nicht groß gewesen, sondern ein kalter, sonnenarmer Regensommer. Die Großstädter erlebten drei oder vier Wochen, in denen sie sich im angenehm warmen Schein der launig-tiefstehenden Sonne ins Freie setzen konnten. Sie tranken ihre ***tails, Weine, Biere mit dem Gefühl des Mangels. Jeder dieser Abende war ein Geschenk, gierig in Empfang genommen und durchdrungen von der Empörung über das Wetter, das ihnen diese Jahreszeit mit ihren Heiterkeiten verdarb. Es war ein solcher Abend, an dem wohl alles seinen Anfang nahm. Mit viel Betäubung im Blut saß ich auf einem Platz in der Mitte des U-Bahnhofes und sah dem Mann zu, der die junge Frau, vielleicht zwanzig Jahre, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung vor die heranrollende U-Bahn stieß. Aus ungefähr drei Metern hieb der ungläubige, erschrockene Blick der Frau auf mich ein, kurz bevor sie vom Bahnsteig stürzte. Das Geräusch der Notbremsung schlug über den zerschreddernden Knochen zusammen; ich hörte die Knochen nicht und dennoch habe ich mir seitdem immer wieder vorgestellt, wie es sich anhören müsste: Vielleicht ähnlich dem Geräusch, wenn man einen starken Ast endlich zerbricht. Doch konnte das nicht sein, denn ich vermisste die Mühelosigkeit der erschrockenen Stahlräder, als sie über das hinabgeworfene Fleisch hinwegrasten, es wie nebensächlich – mutmaßlich - in vier Teile schnitten: Kopf, Fuß und Fuß, Rumpf bis zu den Unterschenkeln. Ich bin auf der Suche nach diesem Geräusch, denn das Schrammen der Räder auf dem Gleis war eine Lüge von der Art, derer sich Menschen bedienen, obwohl sie das Andere ahnen. Das andere Geräusch, unterdrückt und unerhört, muss mich zur Wahrheit führen. Der Mann flüchtete nicht, sondern setzte sich bekümmert auf den Bahnsteig und wartete. Er blickte nicht auf, sondern starrte versunken auf den Beton unter sich. Eine Taube, die von dem ungewohnten Lärm vertrieben war, flog herab und landete etwa in der Mitte zwischen mir und dem Mann. Ihr Erscheinen riss mich aus meiner Betäubung: Ich konnte mir den Mann nun wirklich ansehen: Er hatte einen langen grünen Parka an, was wegen der Hitze verblüffte. Sein Haar war dunkelblond und kurz. Die Hose war braun, er trug schwarze Halbschuhe. Ein Schnürsenkel war offen. Die Hände hatte er ineinander verkeilt, er saß im Schneidersitz. Er hatte sich in sich selbst zusammengekauert. Die Haut war sehr weiß, er war rasiert. Aus seinem Ohr sprossen dichte Haarbüschel. Zwischen dreißig und vierzig mochte er sein. Im Nachhinein will es mir scheinen, als sei meine Bewegungslosigkeit, meine Versteinerung außergewöhnlich, nur mir eigen gewesen. Aber – auch wenn die Erinnerung nebelhaft geworden ist – dem war nicht so. Die Zeit auf dem Bahnhof, bis die Polizei eintraf, schien angehalten. So sehr ich auch danach suche, die einzige Bewegung, die ich sicher behaupten kann, war einzig und allein das selbstverständliche Herumtrippeln der Taube. Mag sein, dass Menschen heraneilten, allein, sie wagten sich nicht so nah heran, dass sie in mein Blickfeld traten. Was war es doch für ein seltsam-erregendes Gefühl, teilzuhaben an der Herrschaft über die Zeit. Schließlich erschienen die Polizisten, die mir als Beauftragte der Zeit erscheinen wollten, die gesandt waren, das Rad wieder in Bewegung zu setzen, das unversehens durch das geopferte Fleisch zum Stillstand gezwungen worden war. Ich habe den Mann nie wieder gesehen, denn seitdem habe ich aufgehört, Zeitungen zu lesen, auch den Fernseher habe ich nicht mehr eingeschaltet.
Die Polizei vernahm mich. Ich erzählte, was geschehen war, doch sprach ich nicht von meiner Erweckung, die mir in den ersten Tagen noch nicht recht bewusst war. Doch ahnte ich schon, dass etwas geschehen war, das ich mit niemanden teilen konnte. Ich hatte ein Geheimnis, das ich selber erst noch entdecken musste. Die Polizisten vermuteten wohl einen Schock, aber sie irrten sich. Sie notierten meine Adresse, dann ließen sie mich gehen. Doch wohin? Der U-Bahnverkehr war unterbrochen. Die Vorstellung, dass in einigen Stunden die Geleise – wahrscheinlich gereinigt – wieder den alltäglichen U-Bahnverkehr tragen sollten, erschien mir fantastisch. Ich verließ den Bahnhof mit vorsichtigen Schritten, meine Beine waren noch unerfahren in der neuen Welt, die sich mir aufgetan hatte. In der warm-feuchten Nacht wandte ich mich in irgendeine Richtung, aus der wenig Licht drang: Ich brauchte Dunkelheit. Also wankte ich zum Rand eines unbeleuchteten Parks und setzte mich auf ein Bank. Abwesend zündete ich mir eine Zigarette an und stieß den Rauch in den Nebel, der ihn in sich aufnahm und dichter und dichter wurde.
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