miklos_muhi
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Der Mann aus dem Buch - 2008/09/24 19:52
Am Anfang war der Umschlag. Kommissar Tiberius Nelson fand ihn auf seinem Schreibtisch, nach einem langen Tag und einer viel zu kurz geratenen Nacht. Damals schlief man kaum im Kommissariat, denn es gab eine Verbrecherjagdt in der Stadt, denn ein Idiot schnitzte die Kehlen von Frauen auf, nach dem er sie vergewaltigt hat. Niemand hat etwas gesehen, gehört oder auf sonst einer nennenswerter Weise beobachtet.
An Spuren mangelte es nicht, doch niemand wusste, was mit den Verbrechen zu tun hat oder nicht – man ging so eben allen nach, nur Ergebnis gab es keins. So übte sich jeder in den Liebligssportarten aller Ermittler: Langstreckenklinkenputzen, Aktenlesemarathon und Staffelbefragung, doch keine Mordwaffe und keiner konnte als dringend tatverdächtig eingestuft werden. Das hieß keine Gerichtsbeschlüsse für DNS-Proben und Wohnungsdurchsuchungen.
Am einem starkem Kaffee riechenden Morgen fand Tiberius den Umschlag mit seinem Namen darauf. Im Umschlag ein Stück weißes Papier mit handschriftliche Notizen in englischer Sprache. Nach einigen Stunden nervenaufreibender Arbeit drang er sich endlich dazu durch, es zu lesen und zu verstehen. Er versank nach und nach im Brief und las ihn immer wieder, bis ihm der Inhalt ohne jeden Zweifel klar geworden war. Nach dieser Erleuchtung rannte er erst zum Untersuchungsrichter und dann zum Streifendienst.
Zusammen mit dem SEK fuhr er zu einem alten Bekannten der Kriminalpolizei und zog das volle Programm durch: Durchsuchungsbefehl für private und geschäftliche Räume und für die Person von Hand-Jürgen Bürger, vorbestraft wegen Körperverletzung, Inzest und Vergewaltigung. Man fand ein Jagdtmesser mit Blutspuren und der DNS-Test überführte den Verdächtigen.
Die Staatsanwaltschaft hat eine Belohnung für Informationen ausgeschrieben, die zur Ergreifung des Täters führen. Auch, wenn es noch nicht zu einer Verurteilung gekommen war, bestand so gut wie kein Zweifel daran, wer für die Morde verantwortlich war. Tiberius hatte natürlich keine Aussicht auf das Geld, aber nachdem sich die Lage beruhigt hat und sich alle ausgeschlafen haben suchte Tiberius den Beamten auf, der an dem Tag Dienst hatte.
„Karl, sag mal bitte wer hat diesen Umschlag hier abgegeben.“ „Warte mal, ich schaue nach ...“ kurzes Klappern auf dem Tastatur „Ein gewisser Herr Chan. Er sah chinesisch aus.“ „Hat er etwas gesagt?“ „Er sprach Englisch mit mir; zuerst stellte er mich vor der Wahl, ob er mit mir Chinesisch oder Englisch sprechen soll. Er war witzig ...“ „Was hat er gesagt?“ „Dass ich den Umschlag dir geben soll. Danach verbeugte er sich und ging ...“ Karl grinste breit „Konfuzius sagt: ...“ „Karl, das ist nicht witzig. Schicke mir bitte die Aufzeichnung über seinen Besuch. Ich muss ihn finden, denn er bekommt die Belohnung der Staatsanwaltschaft. Danke.“
Als er nach dem Mittagessen wieder in seinem Büro platz nahm, war das Email mit den Aufzeichnungen in seinem Postfach. Er nahm den ganzen Namen und suchte im Internet und wurde fündig. Eine lange liste kam zum Vorschein, aber nach wenigen Einträgen sah die Sache eher nach einem schlechten Witz aus: „Charlie Chan ist ein erfundener Charakter ...“ meinte jeder Eintrag.
„Ich sollte nicht so viel arbeiten“ murmelte er als er den Brief samt Umschlag in den Papierkorb geworfen hat.
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