Phineas
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Re:Scheinwelt - 2008/06/21 09:51
Bühnenzauber
„Wenn Unfähigkeit ein Gesicht hätte, könntet ihr als Zwillinge durchgehen“, schimpft Gina und steigt in die mit roten und blauen Sternen geschmückte Truhe. Zauberer Schmidt wirft ihr einen giftigen Blick zu. Leises Kichern im Publikum. „Mesdames und Messieurs, sobald meine beleibte Assistentin es geschafft hat, sich endlich in die Kiste – und zum Schweigen – zu bringen, werde ich sie mithilfe meines Zaubers verschwinden lassen.“ Und so leise, dass es nur die Zuschauer in den vorderen Reihen verstehen, fügt er hinzu: „Diesmal hoffentlich für immer.“ Die Lacher sind ihm sicher. Er beantwortet sie mit huldvoller Geste, während Ginas erhobener Mittelfinger hinter dem Truhenrand verschwindet. „Und nun heißt es: Klappe zu!“ Schmidt gibt dem Deckel einen Stoß. Viele der Anwesenden zucken bei dem folgenden Knall. „Machen sie sich keine Sorgen.“ Schmidt breitet die Arme aus und ein Zauberstab erscheint in seiner Hand. „Gina ist eine Frau wie ein Baum: lang, taub und schamlos genug, sich in der Öffentlichkeit zu entblättern.“ „Nach der Vorstellung bist du tot“, kommentiert die Truhe durch das Gelächter. Schmidt zeigt ein Krokodillächeln. Er hebt den Stab. „Passen Sie gut auf: Man hat schon Schlangen verschwinden sehen, Tiger und Elefanten ...“ „Manche Zauberer lassen sich eben was einfallen“, tönt es dumpf. „Aber Meistermagier Schmidt gibt natürlich nie mehr als dreißig Euro für Material aus. Hier drin fängt man sich dauernd Splitter ein, bloß weil der Kerl zu geizig ist, die Kiste auch von innen zu lackieren.“ Das Publikum lacht. Schmidts Gesicht läuft scharlachrot an. „Verrate ihnen doch gleich noch den Zauber!“, ruft er erbost und tritt mit Wucht gegen das Holz. „Zauber, ha ha. Ich werde mich hüten, dieses Elend zu enthüllen. Von deinen albernen Tricks bekommen die Leute Depressionen. Und übrigens: Der Zylinder sieht aus, als hättest du ihn gebraucht von einem Schornsteinfeger gekauft.“ „Ach, ist das so, Fräulein Ich-bin-nicht-nackt-ich-trage-Pailletten?“ „Absolut, Herr Für-200-Euro-haben-die-Leute-nichts-besseres-verdient.“ Mit drei Schritten ist Schmidt bei einer Requisitenkiste, die im hinteren Teil der Bühne steht, und kramt darin herum. Als er sich wieder aufrichtet, hat er ein Schwert in der Hand und ein irres Grinsen im Gesicht. Er dreht sich zum Publikum und legt mit übertriebener Geste den Zeigefinger auf die Lippen. Vereinzelt ist nervöses Lachen zu hören. Schmidt stellt sich neben der Truhe auf. „Und nun, meine Damen und Herren, eine kleine Programmänderung. Statt des Verschwindezaubers ...“ Der Deckel hebt sich, doch Schmidt setzt schnell den Fuß darauf und drückt ihn wieder nach unten. „Mistkerl!“ Gina schlägt gegen das Holz. „... statt des Verschwindezaubers sehen Sie nun die allseits beliebte Durchbohrte Jungfrau. Wobei Gina die Jungfrau spielen wird. Ich weiß, ich weiß, das ist schwer zu schlucken, aber wir haben ja alle Fantasie.“ „Ich will raus!“, kreischt Gina. „Ach, komm schon! Du sagst doch immer, ich soll neue Tricks ausprobieren.“ Schmidt lässt sich rittlings auf der Truhe nieder, setzt die Schwertspitze auf das Holz und zerrt an der Parierstange. Er hängt fast daran und schnauft, während die Klinge sich biegt und Lack splittert. Einige Zuschauer haben sich von ihren Plätzen erhoben. Manche tuscheln. „Gehört das zur Show?“, fragt eine Frau. „Das ganze Leben ist die Show!“, jubelt Schmidt. „Scheiße! Holt mich hier raus!“
Beitrag bearbeitet von: phineas, um: 2008/06/22 18:26
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