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 Gerneschreiber
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Re:Kinder - 2008/04/28 21:11
Mein Sohn
Mein Sohn kam zu mir. Er fragte mich, ob er in mein Notizbuch schreiben dürfe. Erst verbot ich es ihm. Ich gab ihm Schmierpapier und er kritzelte mit zittriger, kindlicher Schrift seine ersten Worte. MAMA PAPA BAlllll. Das kleine L gefiel ihm besonders gut. Ich lächelte über seine ersten Worte, wie ein Lehrer sich an seinem besten Schüler erfreut. Und so schrieb er auf meinem Schmierpapier. Jeden Tag. Aber er verbesserte sich nicht. Er lernte keine neuen Wörter und seine Schrift wurde nicht fester. Ich übte mich in Geduld, aber auch nach Wochen schrieb er noch immer die gleichen Wörter: MAMA PAPA BAllll. Wollte ich ihm neue Wörter beibringen, stieß er mit all seiner kindlichen Kraft meinen Arm von seinem Blatt. Er fauchte mich an und fragte mich aufs Neue, ob er in mein Notizbuch schreiben dürfe. Jeden Tag fragte er mich und jeden Tag verbot ich es ihm. Eines Tages aber, erlaubte ich es ihm. Ich weiß nicht mehr warum, weil ich seine ständige Fragerei satt war oder weil sich die Erscheinung meines Romans um ein halbes Jahr verzögerte. Ich erlaubte ihm also in mein Notizbuch zu schreiben. Machte mich schon auf eine Seite voller MAMAs und PAPAs bereit. Doch überraschte er mich. Seine Schrift war fest. Nach nur wenigen Buchstaben, wirkte seine Schrift, wie die eines jungen Mannes. Der Füller huschte über das Blatt. Die Worte sprudelten aus ihm heraus. Mir war, als hätte er heimlich geübt, um mich in eben diesem Moment so völlig zu überraschen. Aber hatte ich nirgends Hinweise auf seine Übungen gesehen. Der Füller flitzte über das Blatt. Die Seiten füllten sich mit Wörtern. Erst gaben sie keinen Sinn, doch nach und nach formten sich Sätze. Bis hin zu ganzen Absätzen und schließlich ein riesiger zusammenhängender Text. Erstaunt las ich am Abend die vielen Seiten durch, die er geschrieben hatte. Es war ein fertiger Text. Er hätte genauso in einem Buch stehen können. Ich überlegte, ob mir der Text bekannt vorkam, ob ich ihn irgendwo schon einmal gelesen hatte. Aber mir fiel nichts ein. Kein Autor, der so schrieb. Ich sprach mit meiner Frau darüber. Hatte Sorgen, dass er autistisch sei. Dass er ein Buch gelesen hatte, dass ich nicht kenne und die Fähigkeit hatte, dieses Wort für Wort wiederzugeben. Doch brachte mich eine Suche im Internet auch nicht weiter. Dieses Buch gab es nicht. Und mein Sohn füllte die Seiten. Jeden Tag. Ich kaufte weitere Notizbücher. War selber neugierig auf den Verlauf der Geschichte. Endlich hatte er die Geschichte zu Ende geschrieben und mein Sohn grinste mich stolz an. Dann, so plötzlich wie er gekommen war und in mein Notizbuch schreiben wollte, stand er nun auf und verließ mein Arbeitszimmer. Ich las die Geschichte zu Ende. Ich wusste, ich selbst würde nie eine solche Geschichte zu Stande bringen. Lange plagten mich Zweifel. Aber ich machte es schließlich doch. Ich gab das Buch unter meinem Namen meiner Lektorin. Sie war auf Anhieb begeistert. Und auch der Verlag bemühte sich plötzlich mehr um mich. Manche Nacht lag ich wach, weil mich das Gewissen plagte, aber es ging schließlich um die Zukunft unserer Familie. Ich konnte das Buch nicht unter dem Namen meines Sohnes veröffentlichen. Niemand würde ihm glauben, dass er es geschrieben hatte. Nein, nein, das war der einzige Weg. Das Buch erschien und fand entsprechenden Anklang. Es raste auf der Bestsellerliste nach oben. Ich wurde interviewt und in Fernsehsendungen eingeladen. Ich machte eine große Lesereise und hatte an jedem einzelnen Abend mehr Zuhörer, als auf meinen bisherigen Lesereisen insgesamt. Es war herrlich. Das Geld floss und ich wusste zum ersten Mal in meinem Leben, was es heißt ein erfolgreicher Schriftsteller zu sein. Ich genoss den Augenblick so lange er währte. Ich zögerte mein nächstes Buch lange hinaus. Mein Sohn hat nie wieder in mein Notizbuch geschrieben. Und mein nächster Roman wurde ein Flop. Der Verlag hatte Zweifel an dem Buch und brachte es nur mit Widerwillen heraus. Es fand kaum Leser. Ich schreibe noch immer jeden Tag. Aber die Freude und die Begeisterung sind weg. Schreiben ist zu einem Job geworden. Und ich überlege, ob ich nicht kündigen und im Theater als Platzanweiser arbeiten sollte. Da hätte ich ein gesichertes Einkommen.
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