Phineas
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Der kleine Herr - 2008/04/23 16:14
Der kleine Herr war Gehorsam gewöhnt. Er befahl, und die Dinge geschahen. Wenn nicht, brüllte er, und in den seltenen Fällen, in denen selbst sein Wüten nicht half, warf er mit allem, was ihm zwischen die Finger kam. Aber das war die Ausnahme. Normalerweise bekam er sofort, was er sich wünschte und zwar schnell, sauber und immer auf die gleiche Weise, denn man wusste, wie er sein konnte, wenn er unzufrieden war. Tag und Nacht stand ihm eine devote Dienerin zur Verfügung, die eifrig bemüht war, jedes Brummen und jede seiner Gesten zu deuten. Von den Augen ablesen konnte sie zwar nicht, aber das wäre ihm auch lästig gewesen. Rund um die Uhr hätte er ihren willenlosen Kuhblick nicht ertragen können. Da gab es Interessanteres im Fernsehen. Eines Tages fuhr der kleine Herr aus. Die Limousine brachte ihn und die Dienerin an eine Villa mit großem Park, wo viele Kinder waren. Die Bälger hatten eine Menge gutes Spielzeug, das sah der kleine Herr gleich, den er war auch Eroberer, und die haben einen Blick für die Dinge anderer Leute; jene Dinge, die bald darauf ihnen zu gehören pflegen. Noch während die Dienerin mit einer seltsamen Vettel verhandelte, machte sich der kleine Herr daran, den Rotznasen klarzumachen, wer in seinem Reich die Hosen anhatte. Er marschierte auf das Grün, trat vor einige der Kleingeister hin und befahl: „Ball!“ Die Plagen sahen in überrascht an. „Ball!“, wiederholte er, diesmal mit mehr Autorität. „Wir spielen Zuwerfen“, sagte ein rebellisch wirkender Blondschopf. Der kleine Herr lief rot an vor Zorn. „Baaaall!“, kreischte er so laut, dass seine Stimmbänder schmerzten, stampfte auf den Boden und zog seine Lippen auf einen blutleeren Punkt zusammen. Jetzt musste auch der Dümmste begriffen haben, dass er kurz davor stand, die Contenance zu verlieren. Doch die Kinder schienen immer noch nicht zu verstehen. „Du bekommst den Ball nicht“, sagte der Rebell, und ein Mädchen, das ebenso einfältig wirkte, wie alle ihre Geschlechtsgenossinnen, nickte entschieden und sagte: „Jaa! Geh weg!“ Niemals zuvor war dem kleinen Herrn so etwas gesagt worden. Das war Aufstand, Rebellion, gar Revolution. Es folgte ein Handgemenge, in dessen Verlauf er die Revolutionärin an den Haaren zog, worauf der Rebell ihm Sand in den Mund stopfte. Allein auf sich gestellt, musste er den Rückzug antreten, die Augen voll Tränen ob der Gemeinheit der Welt. Und nun, als er die Dienerin suchte, um Anweisung zu geben, dass es Zeit sei, die Limousine zu rufen, bemerkte er mit Schrecken, dass auch die Frau untreu geworden war und ihn verlassen hatte. „Deine Mama kommt ja bald wieder“, sagte die Vettel, aber Verrat blieb Verrat, und der kleine Herr brüllte, was seine Lunge hergab.
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