carolin_rauch
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 Grünschnabel
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Re:Unsichtbar - 2007/09/19 11:16
Gehn wir in den Garten, pflücken wir die Birn?
18. September, abends: Gerade habe ich mit ihr geschrieben und erneut bereue ich es. Sie ist schon lange nicht nur räumlich von mir getrennt, sondern auch geistig. Wir reden aneinander vorbei, tauschen Banalitäten aus. Dann ein kurzer Lichtblick des gegenseitigen Einverständnisses, ich frage sie, was nun werden soll, sie stellt die Gegenfrage. Keiner von uns kennt die Antwort. Seit einem Jahr ist sie in den Staaten, kommt von Zeit zu Zeit nach Hause, doch ihr gefällt es hier nicht, genau wie es mir nach meiner Rückkehr nicht gefallen hat. Am Anfang hatte sie noch behauptet, sie würde nach dem Studium zurückkommen, bei einer Bank arbeiten, auf jeden Fall in Deutschland. Später schrieb sie, es gäbe in Amerika mehr Möglichkeiten, verlockendere, besser bezahlte. Doch die Familie ist hier, deshalb wird sie sich um eine Stelle in unserer Nähe bemühen. Heute sagt sie, dass wenn die Bank ihr ein Angebot machen würde, sie definitv erst einmal in den Staaten bleibt, wäre auch dumm. Falls nicht, hätten die eventuell einen Platz in London für sie, ja das wäre doch was! Erschütterung. Sie war mir einmal so nahe, fast wie eine Schwester. Ich habe zu ihr aufgeschaut, sie um Rat gebeten, in ihr offenes Ohr meine Probleme erzählt. Wir wohnten im gleichen Haus, hatten ähnliche Interessen, die selben Großeltern. Wir haben zusammen gespielt, gelacht, geweint und was bleibt? Ich erinnere mich an das Kinderlied „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“, das war unser Singsang, wenn der Großvater im Garten Birnen geerntet hat. Vergangenheit, die sich nie wiederholen wird. Ich fragte, was aus dem Freund wird. Sie sagt, er hätte Verständnis, er will ihrer Karriere nicht im Weg stehen. Im Oktober kommt er sie besuchen und sie fliegt doch zu Weihnachten her. Es geht schon irgendwie. Ich erkenne sie nicht wieder. Die Familie ist ihr egal, sie fühlt sich bei uns nicht wohl, sie will für immer fort. Und ich sehe zu, wie sie mir durch die Finger gleitet, sich entfernt und irgendwann, wird sie vollkommen unsichtbar sein. Nur noch ein Verwandter in Amerika.
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