amokwriter
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DAS MENSCHEN-MUSEUM: Firma. - 2008/07/16 22:05
Firma.
Zugegeben, unsere Zunft ist klein. Doch hat sie Zukunft: Meine Kundschaft umfaßt einfache Käufer gleichermaßen wie höchste Kreise. Ich mache Feinde.
Gleichgültig, ob es sich um einen Gegenspieler handelt, der Schuld am Scheitern ihrer Karriere trägt; oder wird ein Sündenbock benötigt, gegen den sich die verzankte Gemeinschaft verbünden kann; oder brauchen, um die Erhöhung der Ausgaben zu rechtfertigen, die Sicherheitsorgane für die öffentliche Vorführung einen Feind der Ordnung: Ich liefere das Passende für jeden Bedarf. Einige der erfolgreichsten Feindbilder stammen aus meinem Studio.
Der Entwurf eines Feindes verlangt viel Feingefühl und unterliegt der Mode. Bevorzugte man noch vor wenigen Jahren einen häßlichen Feind, so wählt ihn der heutige Geschmack wie aus dem Fernsehen: zwar von miesem Charakter, doch nicht ohne Charme.
Natürlich ist die Fertigung eines Feindes Berufsgeheimnis, aber selbst ein geschickt plaziertes Gerücht hat schon gute Feinde gemacht.
Besonders junge Menschen bieten bestes Material: Als Feind behandelt, wachsen sie fast von selbst in ihre Rolle.
So erfüllt unsere Zunft eine wichtige Aufgabe im öffentlichen Leben. Ein Nachteil des Gewerbes allerdings bereitet mir Kopfzerbrechen: Berufsbedingt weiß ich, und das verzeiht mir schließlich keiner, um die geheimsten Schwächen all meiner Käufer. Jeder zufriedene Kunde erblickt deshalb irgendwann in mir seinen Feind.
(aus: Olaf Trunschke, DAS MENSCHEN-MUSEUM. Texte und Piktogramme, Paperback, 88 Seiten, 9.90 EUR, ISBN 978-3-86157-110-0)
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