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Erwin Koch: Sara tanzt.

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Geschrieben von Karl-Otto Siebert   
Freitag, 04. Juli 2008

saratanzt120.jpgSara tanzt

„Das Cello kann alles, es erlaubt alles, es macht alles mit, seine klanglichen Fähigkeiten sind unerschöpflich. Das Violoncello ist die Holz gewordene Seele“ (S. 23) .

Diese Definition seines Instruments ist gleichzeitig das Interpretationsfundament der Parabel von Erwin Koch „Sara tanzt“, denn nach der Lektüre weiß der Leser, dass nicht nur das Cello über unerschöpfliche Fähigkeiten verfügt, sondern auch der Mensch, sowohl der geknechtete als auch der knechtende.


Die Chargen einer faschistischen Militärdiktatur verhaften die für den Widerstand als Kurier arbeitende Mutter von 4 Kindern Sara Broffe. Sie wird in ein Haus am Rande der Stadt verschleppt, wo sie unter Folter ihr Wissen über den Widerstand preisgeben soll.

Erwin Koch hat über die Gefangenenzeit der Silvia Tolchinsky während der argentinischen Junta Anfang der 1980er Jahre eine Reportage geschrieben. Doch offenbar klangen in ihm jene Töne noch nach, die ihn ergründen lassen wollten, was Gewalt aus Menschen macht. Deshalb hat er die Seele dieser Frau und eines Mitläufers, des Cellospielers, in seinem ersten Roman thematisiert, für den er im Jahr 2003 mit dem renommierten Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet worden ist.

Um nicht von seinem eigentlichen Anliegen abzulenken, die Seelenbefindlichkeiten von Tätern, Mitläufer und Opfer auszuloten, hat Koch alle Angaben, die auf einen real existierenden Staat, eine Landschaft, einen Zeitbezug oder ein Ereignis hinweisen könnten, derart verfremdet, dass nur noch die Bildhälfte der Parabel übrig bleibt. So gelingt es, dem Leser aus einem auktorialen Erzählverhalten das Denken und Handeln Saras zu verdeutlichen, während er den Cellisten Frits als Ich-Erzähler zu Wort kommen lässt.

Zunächst berichtet der Erzähler als empathischer Chronist von Saras Verhaftung, um dann mit der Technik der Reduktion und verdrängenden Andeutung, die Einsamkeit und Verzweiflung zu schildern. Auf einem Bett an Händen und Füßen gefesselt, liegt sie mit verbundenen Augen in ihrem Gefängnis, hält Zwiesprache mit ihrem verstorbenen Mann, dessen Rat befolgend, immer an die nächsten fünf Minuten zu denken und sich für die Folterer wichtig zu machen. Deshalb gibt sie Daten und Ereignisse preis, von denen der Leser aber nicht genau weiß, ob sie tatsächlich stattgefunden haben - sie also zur Verräterin wird - oder erfunden sind, und sichert so ihr Überleben. Verloren in der Zeit denkt sie an ihre Familie, rekapituliert Kochrezepte und beginnt schließlich zu summen. Die Melodien hält die Staatssicherheit für Chiffren, die es zu dekodieren gilt.

Die Aufzeichnung der Notenfolgen soll der im Innenministerium angestellte Cellist Frits durchführen, der außerdem als Schreibtischtäter in dem Gefängnis die Kartei führt. Frits ist als Sohn eines Oberst durch Begünstigung an die Stelle gekommen. Bezeichnender Weise wollten die Militärs lieber einen Trompeter, der laut und schrill die Schreie der Gefolterten übertönt. Aber Frits belehrt sie eines Besseren: „Das Violoncello kann schreien, es kann zirpen, säuseln, knurren, streicheln, kratzen, kitzeln, foltern. Ich war Cellist im Innenministerium. Beamter.“ Das letzte Verb und der folgende Satz charakterisieren diesen Frits, der immer folgsam tat, was man ihm auftrug, als Kind seiner Eltern wie auch als Beamter und der sich damit auch an Sara schuldig macht.

Das Zitat zeigt aber noch mehr, denn jedes Verb steht gleichsam als ein eindringliches Sprachbild für das, was in dem Haus mit allen Personen geschieht.

Frits fühlt sich als Künstler gedemütigt, weil er zu werkgetreu – langsam, verhalten – und nicht schrill und schnell genug spielt. Dass er sein Instrument als Mittel der Unterdrückung benutzt, wenn er die Verhöre Saras von einem Nebenraum aus übertönt, reflektiert er nicht. Als er sich zur Opposition entschließt, kreisen seine Gedanken allerdings nur in der Musiktheorie – die Folter stellt er ebenso wenig in Frage wie er es wagt tatsächlich vor seine Vorgesetzten zu treten. Damit gelingt Koch ein kritischer Blick auf die Künstler, die sich zu häufig willfährig von Mächtigen instrumentalisieren lassen.

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Obwohl Sara gequält wird, fügt sie sich dem Zusammenleben mit ihren Peinigern, das eher an eine Wohngemeinschaft erinnert. Sie führt den Haushalt, fertigt Schulaufsätze, übersetzt Gebrauchsanweisungen. Im Gegenzug wird sie nicht mehr so häufig gefesselt und trägt keine Augenbinde mehr – so verhält sich eine Notgemeinschaft, um die Bedrohung zu verdrängen. Die Beamten beugen damit dem politischen Umschwung vor, wollen Pluspunkte sammeln. Sara hingegen dient ihre Anpassung als Überlebensstrategie; ihre Bedrohung wird sprachlich durch die Beobachtung der Fische im Aquarium verdeutlicht. Sie stehen als Metapher für die Aufhebung der Individualität, wenn Sara sich vorstellt, dass das „Weibchen“, egal ob die geschlechtliche Zuordnung korrekt ist, immer links und rechts von den „Männchen“ flankiert ist.

„Ihre Musik streichelt mich“ (S. 133) – damit treten Frits und Sara in Verbindung: Er hat ein Publikum, sie kann im Rhythmus der Musik putzen und verschafft sich so Momente von Freiheit. Obwohl Frits an den Fäden des Regimes hängend und Sara nach seinen „falschen“ Interpretationen „tanzt“, zeigt diese Stelle eine Art von Feierlichkeit. Jeder Leser wird diesen Gedanken aber sofort betroffen zurückweisen, klingt er doch angesichts der Situation entsetzlich zynisch. Man muss sich aber eingestehen, dass es Kochs Sprachduktus und Erzählstil sind, die in ihrer Zurückhaltung zeigen das beides möglich ist.

Kochs Sprache ist geprägt von seinem journalistischen Ursprung: Er schreibt in einem Reportagestil und gelangt nur manchmal zur Virtuosität, wenn er beispielsweise Saras melodische Assoziationsketten darstellt, die die Geheimdienstler in ihrem Dechiffrierwahn zu bizarren Schlussfolgerungen treiben.

Für die sprachliche Gestaltung der Entwicklung der Beziehung - der Liebe?, des Vertrauens?, der Zuneigung? - zwischen Frits und Sara fehlen ihm aber offensichtlich die sprachlichen Mittel - oder sollte er sich auch hier aus Einsicht zurückgehalten haben, dass die Versprachlichung nur eine unzulässig einschränkende Wirkung erzeugen würde?

Am Ende bleibt das Gefühl von Hilflosigkeit: Diese Folter war kein Einzelfall, sondern geschieht tausendfach auf der ganzen Welt. Und deshalb ist dieser Roman eine gelungene Parabel, die den schmalen Grat von Treue und Verrat, Freiheit und Abhängigkeit unabhängig von Ort und Zeit angemessen auslotet.

Dem Leser wird ein Blick in die menschliche Seele ermöglicht, in die der Täter, Geknechteten sowie in die des Mitläufers, und am Ende wird er sich fragen, warum denn dieses kleine Fritschen in Haft ist, wenn sein „Opfer“ es doch geheiratet hat.

Bibliographische Angaben


 

Erwin Koch
Sara tanzt

Fischer Verlag, 2005
S. 176, gebunden, EUR 7,95
ISBN 3312003253




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